Diabetes und Übergewicht durch die Sommerzeit?

von: Hubertus Hilgers, Arzt

Zeitumstellung Abschaffen„Der Schlaf nährt“ – wie dieses altväterliche Sprichwort zeigt, ist der Zusammenhang von Schlaf und Gesundheit schon sehr lange bekannt.

Wie wichtig es für den Körper ist, regelmäßig und ausreichend zu schlafen, belegen immer wieder neue Studien: Unter anderem begünstigt regelmäßiger Schlafmangel nachweislich die Entstehung von Übergewicht und Diabetes.

Der Schlafmangel in der modernen 24-Stunden-Gesellschaft werde „immer häufiger als zusätzlicher Faktor ausfindig gemacht, der die Gesundheit des Stoffwechsels negativ beeinflusst“, zitiert Wissenschaftsautor Peter Spork in seinem neuen Buch „Wake up!“ den Diabetologen Bernd Schultes aus St. Gallen. Mit Kollegen fordere der Experte im anerkannten Fachblatt „Lancet Diabetes & Endocrinology“, „Mediziner sollten in Zukunft vielen ihrer Patienten einfach besseren Schlaf verordnen. Damit würden sie Stoffwechselkrankheiten vorbeugen und behandeln.“

Doch auch unter einem gestörten inneren Rhythmus leidet die Gesundheit: Der Stoffwechsel des Menschen ist durch den Tag-/Nachtrhythmus getaktet, der dafür sorgt, daß Gehirn und Körper immer ausreichend mit Nährstoffen versorgt sind. Tagsüber wird dieser Bedarf durch die Nahrung gedeckt, nachts greift der Körper auf seine Reserven zurück und versorgt das Gehirn mit Hilfe der Glukoneogenese mit Glukose. In dieser Phase nimmt sowohl die Insulinsekretion als auch die Insulinsensitivität ab. Gerät die innere Uhr aus dem Takt, wie beispielsweise durch die Zeitumstellung auf MESZ, führt dies über kurz oder lang zu einem erhöhten Blutzuckerspiegel.

Kommt dann noch chronischer Schlafmangel hinzu – auch das eine häufige Folge des Lebens in der MESZ – verstärkt sich die Gesundheitsgefahr. Dies bestätigte eine im November 2012 veröffentlichte Studie der Harvard-Universität. In einer epidemiologischen Studie simulierten die US-Forscher bei gesunden Studienteilnehmern die Bedingungen von Schichtarbeitern: Die Schlafdauer wurde für drei Wochen auf 5 Stunden und 35 Minuten pro Nacht beschränkt und der Tag-/Nachtrhythmus systematisch gestört. Der Schlafmangel und die Störung der inneren Uhr bewirkten bei den Probanden gemeinsam eine Veränderung des Energiestoffwechsels hin zu einer Vorstufe von Diabetes: Der Grundumsatz, die Insulinausschüttung sowie die Insulinsensitivität nahmen ab. Der Blutzucker war zudem nach den Mahlzeiten deutlich erhöht.

Die Probanden versuchten zusätzlich, ihre Schläfrigkeit mittels einer erhöhten Aufnahme von fett- und kohlenhydratreicher Nahrung zu kompensieren. Die veränderte Stoffwechsellage und die zusätzliche Energiezufuhr führten letztlich zu einer Gewichtszunahme.

Aktuelle Zahlen zum Thema Übergewicht und Diabetes aus Deutschland sind besorgniserregend:

Laut der Deutschen Gesundheitsumfrage aus dem Jahr 2012 haben 7,2% der Bevölkerung einen bekannten Diabetes und zusätzlich 2,1% einen unentdeckten Diabetes (insgesamt 9,3%). Diese Zahl basiert auf einer repräsentativen nationalen Bevölkerungsstichprobe im Alter von 18-79 Jahren. Basierend auf Berechnungen bei Versicherten der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) und Hochrechnung auf ganz Deutschland gab es im Jahre 2009 8,0 Millionen behandelte Diabetesfälle, entsprechend 9,7% der Bevölkerung. Das entspricht einem Anstieg von 49% gegenüber dem Jahr 2000 (5,4 Millionen Fälle oder 6,5% der Bevölkerung). Die höchsten Steigerungsraten zeigen sich bei den über 60-jährigen. Von ihnen haben nach den neuesten Ergebnissen des Leipziger Forschungszentrums für Zivilisationskrankheiten (LIFE-Gesundheitsstudie von 2013) mehr als ein Fünftel Typ-2-Diabetes, ein knappes Drittel gilt als fettsüchtig (BMI über 30).

Bei Kindern und Jugendlichen ist eine große Zahl übergewichtiger Kinder gefährdet, an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Zudem haben viele bereits Gefäßschäden. Zum Typ-2-Diabetes und der Adipositas (starkes Übergewicht) im Kindes- und Jugendalter sagt Wieland Kiess, Chefarzt und Direktor der Universitätsklinik und Poliklinik für Kinder und Jugendliche in Leipzig: „6 bis 8 % aller deutschen Kinder sind adipös, 11 bis 13 % übergewichtig. Dies bedeutet, daß mehr als doppelt so viele Kinder und Jugendliche adipös sind wie vor 10 Jahren. Circa 10 bis 20 % adipöser Jugendlicher haben bereits eine Störung des Kohlenhydratstoffwechsels, also einen Vorläufer des Diabetes. Außerdem haben wir mindestens eine jährliche Verfünffachung der Neuerkrankungen an Typ-2-Diabetes bei Jugendlichen in Deutschland.“

Aus der Zellbiologie und der Physiologie ist bekannt, daß entscheidend ist, wie lange ein krankmachender Reiz auf die Zelle oder den Organsimsus einwirkt. Bleibt der krankmachende Reiz aus, benötigt die Zelle bzw. der Organismus mindestens dieselbe Zeitdauer um sich zu regenerieren. Bis 1996 galt die Sommerzeitverordnung in der EU von Ende März bis Ende September, also für sechs Monate. Derzeit gilt die Sommerzeitverordnung für sieben Monate, der krankmachende Reiz setzt also bereits innerhalb der Erholungsphase erneut ein. Hier könnte eine der Ursachen dafür liegen, dass viele Krankheiten an Zahl und Stärke von  Jahr zu Jahr kontinuierlich zunehmen.

Doch wir haben es in der Hand, daß wir alle einer gesünderen und sicheren Zukunft entgegen sehen. Wir müssen uns gegen die Sommerzeitverordnung wehren!

Vielen herzlichen Dank für Eure Mithilfe und Euer Engagement.

Mit gesundheitlichen Grüßen

Ihr / Euer

Hubertus Hilgers

Zombies am Frühstückstisch

Herzlichen Glückwunsch zur Zeitumstellung!

Hier der Brief einer Mutter aus Bayern, den diese bereits an zahlreiche Politiker gesendet hat.

Thema: Zombies am Frühstückstisch – Die moderne Form der Folter.

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist wieder so weit: Wir sitzen wieder vereint am Frühstückstisch, blass, tiefe Schatten um die Augen, keiner spricht ein Wort, mitten aus dem Tiefschlaf gerissen. Zombies am Frühstückstisch.

Meine Kinder rühren das Essen kaum an, zu k.o., der Magen ist noch nicht bereit zur Nahrungsaufnahme vor 6.00 h.

Dann schlafwandeln sie los, auf Ihren Schulweg, und man kann jeden Tag drei Kreuzzeichen machen, wenn sie und auch man selbst, wieder heil zu Hause ankommen. Denn, es stehen ja nicht nur wir unter Schlafentzug, sondern auch der Rest der Bevölkerung, der auf den Straßen aktiv ist.

A housewife is stressed and tried trying to clean the house while wild children are running around making a mess for a discipline or parenting concept.

Abb.1: Der ganz normale Wahnsinn am Morgen bekommt durch die Zeitumstellung nochmals eine ganz andere Qualität.

Und warum das alles?

Ja, Dank einer Verordnung, die besagt, dass die Schule um 7h beginnt und alle eine Stunde früher zum Arbeiten anfangen müssen.

Diese Verordnung lautet: Sommer-Zeitverordnung.

Hätte man diesen Erlass damals in den 80igern einfach so gemacht, wäre die Hölle los gewesen, doch man hat das ganze hübsch verpackt in ein Wort, das sich „Sommerzeit“ nennt, klingt ja nett, weil jeder mit dem Sommer an sich was schönes verbindet.

Und somit steht jeder früher auf, arbeitet eher, die Schule geht um 7h los und keiner merkt mehr bewußt, wie er getäuscht wird.

Jeder wundert sich über die plötzlich zunehmende Müdigkeit, fühlt sich erschöpft, leistungsgemindert, Aggressivität und Empfindsamkeit steigt, Krankheiten nehmen zu. Kopfschmerzsyndrome, ADS bei den Kids, Blutdruckerhöhungen, vegetative Empfindlichkeitsstörungen, Libidoverlust etc.

Statt an das einfachste zu denken: jeder dem Schlaf fehlt, ist empfindlicher, gereizter, immungeschwächter etc. werden lieber neue Krankheitsnamen gegeben, wie Depression, Burn out, ADS, und die sogenannte „Schuld“ daran sind dann: Streß und Leistungsdruck.

Und woher kommt schon wieder der Streß? Ganz einfach:

Es fängt damit an, wenn ich eine Stunde zu früh aus dem Tiefschlaf gerissen werde, mein Herz das Rasen anfängt und ich in aller Früh schon wieder so nen Hals hab,….. dann, nach so einem Start weiter durch den Tag hetze und spätestens am Arbeitsplatz auf all die anderen Gehetzten stoße.

So schaukelt sich das ganze hoch.

Mitmachen müssen wir das ganze 7 Monate im Jahr und bekommen als Ausgleich nur 5 Monate eine normale Zeit, die dem Sonnenstand entspricht und der inneren Organuhr, die dann auch noch „Winterzeit“ im Volksmund getauft wird, und den Leuten unbewußt was negatives vorgaukelt, weil Winter kalt + dunkel bedeutet.

Das nenne ich die moderne Form der Folter.

Täglicher Schlafentzug von 1 Stunde. Ja, täglicher Entzug, nicht nur an dem Wochenende, an dem die Uhr umgestellt wird, das ist ein Denkfehler: wir stehen 7 Monate jeden Tag eine Stunde früher auf. Das nennt sich dann sozialer Jetlag, hab ich mir sagen lassen.

Damit ich z.B. auf 8 Schlafstunden komme, müßte ich bestenfalls vor 21.30h eingeschlafen sein. An vielen Tagen ist das tatsächlich der Fall, weil ich in den Erschöpfungsschlaf falle. Dafür wache ich dann zw. 0.30.+.3.00h auf und schlafe danach bis zum Wecker sehr unruhig und traumreich. Somit zähle ich zu denjenigen mit Schlafstörungen, was ja die neue Volkskrankheit sein soll und zur Zeit beim Neurologenkongreß in München diskutiert wird.

Und woher kommen die Schlafstörungen wieder?

Ganz klar: ich bin zu früh aufgestanden, bin abends platt, gehe also vor meiner eigentl. Schlafzeit zu Bett und wache dafür nachts dann auf. Fazit: Schlaf ist gestört.

Aber auch hier wird wieder der Streß und die hohe Berufsbelastung diskutiert. Doch eigentlich ist es ganz einfach: bin ich nicht ausgeschlafen: streßt und belastet die Arbeit mehr!

Der Erlaß der Sommer-Zeitverordnung muß außer Kraft gesetzt werden, wenn wir wieder eine ausgeschlafene und leistungsfähige Gesellschaft haben wollen und friedliche Familien mit rosigen Gesichtern am Frühstückstisch!!

Mit freundlichen Grüße,

eine Mutter aus Bayern

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Sommerzeit / Uhrzeitverstellung – Wissenschaftliche Erkenntnisse werden ignoriert

Zeitumstellung Abschaffen

Es geht wieder einmal um die sogenannte „Sommerzeit“, ein ewig leidiges Thema. Dieses Thema ist so gut „durchgekaut“, dass man fast glauben mag, dass erstens nichts Neues mehr dazu zu sagen ist, und zweitens die Abschaffung dieser künstlichen Zeitverschiebung nur noch eine Frage der Zeit ist, die bislang ebenfalls mit Erfolg von der Politik verschoben wird.

Hier eine Übersicht der Beiträge, in denen ich auf die Probleme der zweimal jährlich erfolgenden Uhrenumstellungen eingehe:

Ein älterer Beitrag eines Humanbiologen, Dr. Peter Spork, aus dem Jahr 2010 verweist auf interessante Studien, die zum Thema Schlafentzug und genetisch bedingte Unterschiede beim Schlafbedürfnis durchgeführt worden sind: Weg mit der Sommerzeit! – Peter Spork.

Wissenschaftliche Erkenntnisse werden ignoriert

In dem soeben zitierten Beitrag wird eine Studie vorgestellt, die von Chronobiologen der University of Pennsylvania, USA, in 2010 durchgeführt worden sind. Doch bevor ich auf diese Studie eingehe, möchte ich auf eine Arbeit von den gleichen Autoren aus dem Jahr 2009 eingehen:

Sleep deprivation affects multiple distinct cognitive processes. – PubMed – NCBI

In dieser Arbeit stellen Van Dongen et al. fest, dass Schlafentzug gleich mehrere bestimmte kognitive Prozesse beeinträchtigen kann. Diese Beeinträchtigung betrifft die Fähigkeit zur Verarbeitung von Reizen bis hin zu peripheren Prozessen, die nicht der direkten Willenskontrolle unterworfen sind. Für die Autoren steht fest, dass Schlafentzug weitreichende Effekte mit sich bringt, wie zum Beispiel eine reduzierte Fähigkeit zur Aufmerksamkeit und eine eingeschränkte Fähigkeit zur zentralen Verarbeitung von Reizen. Die Autoren sehen dies als den Grund für eine generell eingeschränkte kognitive Funktion.

Die Ergebnisse sind zwar interessant, haben aber den Nachteil, dass der experimentelle Schlafentzug nicht auf einer generell verkürzten Schlafzeit beruhte, sondern auf einen Schlafentzug, der 62 Stunden dauerte.

Die vorhin angekündigte Studie von Van Dongen et al. aus dem Jahr 2010 ersetzte einen durchgehenden Schlafentzug durch eine Verkürzung der gewöhnlichen Schlafzeit bei den Testpersonen:

Time of day effects on neurobehavioral performance during chronic sleep restriction. – PubMed – NCBI 

In dieser Studie schliefen die Teilnehmer zwischen 4,2-8,2 Stunden täglich. Aber auch hier zeigte sich, wie in früheren Studien bereits gesehen, eine Reihe von Einschränkungen im kognitiven Bereich bei den Probanden, die in der Gruppe mit Verkürzung der Schlafzeiten waren. Interessanterweise waren die ausgeprägtesten Defizite gegen 8:00 Uhr morgens zu verzeichnen. Im Verlauf des Tages dann nahmen diese Defizite ab und erreichten ihr Minimum gegen 16:00 Uhr und 20:00 Uhr. Eine Verkürzung der Schlafzeit von acht Stunden auf vier Stunden pro Tag resultierte bei den Teilnehmern in einer 8,3 mal so hohen Fehlerquote um 8:00 Uhr morgens und 18:00 Uhr abends.

Die Autoren schließen daraus, dass der zirkadiane Rhythmus einen substantiellen modellierenden Effekt auf kognitive Defizite hat, die aus einem Schlafentzug resultieren. Interessanterweise scheint dieser modellierende Effekt zu bestimmten Tageszeiten in eine temporär schützende Fähigkeit zur Wachsamkeit „umzuschlagen“. Dies wurde vor allem für den späten Nachmittag und die frühen Abendstunden beobachtet.

Laut Einschätzung von Dr. Spork sind diese Ergebnisse eine Bestätigung dessen, was die moderne Schlafforschung bislang hat erarbeiten können. Die wichtigste Aufgabe des Schlafs besteht darin, „dem Nervensystem zu helfen, tags gewonnene Eindrücke zu verarbeiten“.

Es ist also nicht nur der physiologische Aspekt, der beim Schlaf wichtig ist, sondern auch die psychologische/psychische Seite. Eine Verkürzung der Schlafzeit, wie sie über ein halbes Jahr unter der „Sommerzeit“ praktiziert wird, ist der Hammer, der zwei Fliegen gleichzeitig erlegt: Beeinträchtigung der Regeneration physiologischer Vorgänge und Beeinträchtigung der Verarbeitung psychischer Vorgänge.

Dr. Spork sieht die „Sommerzeit“ als eine Bedingung, die mit den experimentellen Bedingungen in der Studie von Van Dongen et al. in der vorhin besprochenen Arbeit vergleichbar sind. Und dementsprechend können wir dementsprechende Ergebnisse erwarten.

Die Tatsache, dass keine kolossal augenfälligen Störungen eintreten, liegt in der Tatsache begründet, dass es aufgrund genetischer Unterschiede Menschen gibt, für die die Zeitverschiebung möglicherweise sogar einen Vorteil bedeutet. Allerdings bildet diese Gruppe mit rund 15 Prozent eine Minderheit. Im Gegenteil. Für die meisten Menschen passt der Gang ihrer inneren Uhr nicht zu dieser künstlich eingestellten Zeitverschiebung.

Das Argument, dass man bei einer Reise, je weiter desto ausgeprägter, Zeitverschiebungen und dementsprechend Jetlag in Kauf nehmen muss, trifft nicht den Kern des Problems, ist aber eine anscheinend gute Ausrede für die Befürworter der „Sommerzeit“.

Bei einer Reise wird zwar auch die Uhr vorgestellt oder nachgestellt, je nachdem wohin die Reise geht. Der alles entscheidende Unterschied hier ist jedoch, dass auch die Sonne früher oder später auf- und untergeht und damit Uhrzeit und Sonnenverlauf synchron verlaufen. Bei unserer „Sommerzeit“ jedoch wird nur die Uhr verstellt, nicht jedoch der Verlauf der Sonne.

Und dieser regelt unseren zirkadianen Rhythmus. Eine Verstellung der Uhrzeit bewirkt somit eine Störung dieses Rhythmus, was wiederum mit den entsprechenden physiologischen Konsequenzen einhergeht, die die beiden oben diskutierten Studien, neben anderen, beschreiben. Dr. Spork bezeichnet dies als eine „Verschiebung der Balance zwischen innerer und äußerer Zeitmessung“ im Organismus.

Noch mehr Wissenschaft zum Ignorieren

Seit dem April 2018 gibt es noch mehr Grund, wissenschaftliche Arbeiten zu diesem Thema zu ignorieren. Eine zu diesem Zeitpunkt erschienene Arbeit untersuchte den Zusammenhang zwischen Chronotyp und Mortalität und Morbidität in Großbritannien. Unter Chronotyp wird hier die sehr wahrscheinlich genetisch determinierte Veranlagung verstanden, ob man am Tag früh aktiv ist oder erst gegen Abend munter wird.

Associations between chronotype, morbidity and mortality in the UK Biobank cohort. – PubMed – NCBI 

Die Autoren untersuchten über 430.000 Erwachsene im Alter zwischen 38 und 73 Jahren über den Zeitraum von sechseinhalb Jahren. Zunächst identifizierten die Autoren die „Morgentypen“ und die „Abendtypen“.

Bei der Analyse der Daten zwischen diesen beiden Gruppen zeigte sich, dass die Abendtypen, die aufgrund von beruflichen, sozialen und anderen Zwängen leben müssen wie die Morgentypen, ein 94-prozentiges erhöhtes Risiko für psychische Störungen haben, ein für Diabetes erhöhtes Risiko von 30 Prozent, neurologische Störungen von 25 Prozent, gastrointestinale Störungen von 23 Prozent und Atemwegserkrankungen von 22 Prozent.

Die Zahl der Todesfälle während dieser 6,5 Jahre belief sich auf über 10.500, von denen über 2100 Todesfälle aufgrund von kardiovaskulären Erkrankungen eintraten. Die Gesamtmortalität war für die Abendtypen mit zwei Prozent gegenüber den Morgentypen leicht erhöht. Die Mortalität aufgrund kardiovaskulärer Erkrankungen lag hier schon bei vier Prozent.

Bei der Diskussion der Ergebnisse folgerten die Autoren, dass das erhöhte Mortalitätsrisiko bei den Abendtypen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in der Tatsache begründet ist, dass aufgrund von Beruf und sozialen Verpflichtungen etc. es zu einer Fehlausrichtung zwischen dem inneren physiologischen Timing (persönliche Chronobiologie) und den äußeren Zeitvorgaben in Beruf und Familie und Gesellschaft kommt.

Die Autoren sehen die Notwendigkeit, die äußeren Bedingungen an die zirkadianen Gegebenheiten anzupassen, wie zum Beispiel durch veränderte Arbeitszeiten etc., um das Risiko für Mortalität und Morbidität zu senken.

Wenn wir hier also einen wissenschaftlichen Appell haben, der für die Abendtypen zirkadian verträgliche Arbeitszeiten etc. fordert, dann ist es umso unverständlicher, dass wir durch die halbjährliche Umstellung der Uhren diese Menschen zusätzlichen gesundheitlichen Belastungen aussetzen. Die Prozentzahlen mit zwei und vier Prozent mögen minimal aussehen. Sie sind aber, zusammen mit der Morbidität, die sich in einem weit höheren Maße erhöht, umgerechnet auf ein Millionenvolk ein massives Potenzial.

Ergo:

Für mich steht jedenfalls fest, dass die Marktschreier in der Politik, die bei jeder Gelegenheit eine „Kostenreduktion“ im Gesundheitswesen fordern und dafür die tollwütigsten Vorschläge auf den Tisch legen, erst einmal hier ansetzen sollen. Denn hier liegt extrem viel Potenzial für Verbesserungen vor, ohne dass große Investitionen gemacht werden müssen. Man braucht einfach nur im Frühjahr die Uhr nicht umzustellen, damit man im Herbst nicht die Uhr umstellen muss.

Aber unsere Politik hält sich strikt an das Motto: Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht. Und wenn man dann noch effektiv Kosten reduzieren kann, dann ist das ganz schlecht, denn dann hat man kein politisches Thema mehr, über das man sich endlos auslassen und damit profilieren kann.

Scheinheilige Politik!

Auch das Argument der Politik, dass man sich hier im Rahmen der EU bewegen muss und keine „Alleingänge“ machen möchte, ist an Scheinheiligkeit kaum zu überbieten. Denn diese Alleingänge sind schon längst gemacht worden, wenn auch nicht in diesem Bereich: Bei der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte verstieß man sogar gegen ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs, der die damit verbundene Vorratsspeicherung von Daten als Verstoß gegen die Grundrechte zur Achtung des Privatlebens und Schutz personenbezogener Daten verurteilte.

Es wird immer offensichtlicher, dass man in der Politik von den Bürgern verlangt, Gesetze zu respektieren und befolgen, diese Politik selbst jedoch dazu nicht bereit ist, wenn es gegen die Interessen von Industrie und Politik geht.

Sinkende Lebenszufriedenheit durch Sommerzeit

Ökonomen an der Friedrich-Alexander-Universität von Erlangen-Nürnberg haben 2015 eine Studie veröffentlicht, die auf den Daten einer Längsschnittbefragung des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) und einer britischen Langzeitstudie basiert. Als Ergebnis kam dabei heraus, dass die Lebenszufriedenheit sogleich während der ersten Woche nach dem Vorstellen der Uhr auf die Sommerzeit signifikant sinkt.

Es seien vor allem die Eltern kleiner Kinder, die erhebliche Probleme mit der Umstellung auf die Sommerzeit haben. Die Rückstellung der Uhr im Herbst auf die Normalzeit ist dann übrigens kein Zufriedenheitsbooster.

Bereits im Jahre 1916 wurde die Zeitumstellung in England auf Initiative von William Willett erstmalig eingeführt. Es war kein Geringerer als Winston Churchill, der sie für eine großartige Reform hielt, von der er versprach, dass sie den Menschen einen Zugewinn an Glück und Gesundheit bringen würde.

Die Daten des SOEP und der britischen Langzeitstudie „Understanding Society“ (ehemals „British Household Panel“) wurden von den Autoren der oben genannten Studie folgendermaßen interpretiert: Erst in der zweiten Woche, nachdem die Zeit im Frühjahr vorgestellt wurde, nähert sich die Lebenszufriedenheit zumindest in England und Deutschland dem ursprünglichen Niveau wieder langsam an.

Die festgestellte temporäre Unzufriedenheit ist nicht nur eine Folge der erforderlichen körperlichen Anpassung, sondern hat auch eine erhebliche psychologische Komponente. Das hat damit zu tun, dass die Menschen ihre wenige Freizeit nicht gern beschränken lassen wollen, was eben für junge Eltern in besonderer Weise gilt.

Die Autoren schließen daraus, dass hier die Arbeitgeber gefragt sind. Sie könnten oder sollten ihren Mitarbeitern nach der Zeitumstellung deutlich mehr zeitliche Flexibilität zugestehen, wenn es nicht möglich ist, auf das Drehen an der Uhr ganz zu verzichten.

Details zur Studie

Ausgewertet wurden die Angaben von mehr als 29.600 Personen, die innerhalb der 20 Jahre zwischen 1984 und 2004 im SOEP zur Zeitumstellung befragt worden sind. Mit einbezogen wurden noch die Angaben der fast 9.000 Teilnehmer an der Haushaltspanelstudie „Understanding Society“*, die einige Jahre später zwischen 2009 und 2012 erhoben worden sind. Für die Studie wurden allerdings nur jene Angaben verwendet, die von Personen eingebracht wurden, die jeweils innerhalb von Zeitintervallen zwei Wochen vor bis zwei Wochen nach der Umstellung auf Sommerzeit befragt wurden.

* Gestartet war die Befragung durch das „British Household Panel“.

Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP)

Es handelt sich dabei um die größte und zugleich am längsten durchgeführte multidisziplinäre Langzeitstudie in Deutschland. Innerhalb des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung DIW mit Sitz in Berlin ist das SOEP Teil der deutschen Forschungsinfrastruktur unter dem Dach der Leibniz-Gemeinschaft und wird von Bund und Ländern gefördert.

Seit 1984 werden für das SOEP jedes Jahr mehrere Tausend Personen befragt. Dazu beauftragt wurde das Umfrageinstitut TNS Infratest Sozialforschung. Das SOEP erhebt dabei Daten über die Einkommen, die Art der Erwerbstätigkeit, die Bildung, die Gesundheit und die Lebenszufriedenheit. Es werden jedes Jahr extra dieselben Personen befragt mit dem Ziel, neben den längerfristigen gesellschaftlichen Trends auch gruppenspezifische Entwicklungen von Lebensverläufen analysieren zu können.

Bei den Befragungen zur Lebenszufriedenheit wird eine Skala von 0 bis 10 zugrunde gelegt. Null bedeutet hierbei „ganz und gar unzufrieden“, während zehn ein „ganz und gar zufrieden“ markiert. Um umfassende und belastbare Aussagen über die Lebensqualität und deren Änderung in unserem Land machen zu können, muss neben den objektiv messbaren und belegbaren Lebensbedingungen unbedingt auch die subjektiv empfundene Lebenszufriedenheit in die Bewertung mit einfließen.

Übrigens: Wenn Sie solche Informationen interessieren, dann fordern Sie unbedingt den kostenlosen Newsletter dazu an:

Quellen: Kuehnle, Daniel and Christoph Wunder (2015): Using the life satisfaction approach to value daylight savings time transitions. Evidence from Britain and Germany. SOEPpaper Nr. 744, Berlin

Beitragsbild: 123rf.com – Sergey Nivens

Dieser Beitrag wurde am 27.06.2021 erstellt.